FAZ-Artikel vom 18. Mai 2004

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von Rahel Bucher

Eine ältere Frau steigt ins Taxi. Sie nennt ihr Fahrziel und macht es sich auf dem Rücksitz bequem. Während sie ihre Brille auf Hochglanz bringt, schaut sie auf das kleine Schild an der Kopfstütze des Vordersitzes. "Lieber Fahrgast, Sie fahren gerade mit dem Frankfurter Kriminalautor Frank Demant. Das Buch "Simon Schweitzer - immer horche, immer gugge" erschien im Juli 2003. Infos und Verkauf beim Fahrer" steht dort. "Sie haben das Buch geschrieben?" fragt die Frau ungläubig. "Ja, habe ich." Solche Szenen spielten sich oft ab, erzählt Frank Demant. Als müßten Schriftsteller irgendwie besonders aussehen." Doch auf seine humorvolle Art verwickelt er die Frau in ein Gespräch über Literatur. Fasziniert von dem schreibenden Taxifahrer kauft sie schließlich sogar ein Exemplar.

Dreimal in der Woche fährt Demant durch das nächtliche Frankfurt auf der Suche nach Kunden und neuen Ideen für seine Geschichten. Das Taxi ist seit 20 Jahren sein Arbeitsplatz, und weil er die langen Wartezeiten irgendwann leid war und sinnvoll nutzen wollte, entschloß er sich Ende der neunziger Jahre, nebenbei Bücher zu schreiben. Immer habe er Papier dabei, damit er Ideen und Geschichten niederschreiben könne, erzählt er. Zwei bis drei Seiten kämen so jede Nacht zusammen. "Wenn ich gerade keinen Fahrgast habe, kann es schon vorkommen, daß ich kurz an den Straßenrand fahre, um etwas aufs Blatt zu bringen." Zu Hause hat Demant eine kleine Kiste, in der er all diese "Ideenzettel" sammelt.

Als er merkte, daß sich keiner der größeren Verlage für seine erste Geschichte interessierte, hat der 45 Jahre alte Demant sein Werk im Selbstverlag herausgegeben. Das Buch wurde zum Gemeinschaftswerk: Eine Schulfreundin malte für den Autor das Titelbild, eine Bekannte betätigte sich als Lektorin, sein bester Freund gestaltete eine Internetseite, und die Kameraden vom Fußballverein machten kräftig Werbung. Inzwischen ist das Werk sogar in knapp zwei Dutzend Buchhandlungen in und um Frankfurt erhältlich. "Ich bin einfach hingegangen und habe gefragt, ob sie Lust hätten, es zu verkaufen", erzählt Demant, der in den vergangenen Monaten immerhin 1600 Exemplare unter die Leute gebracht hat. Auf der Sachsenhäuser Buchliste, einer Bestsellerliste der Buchhandlung Naacher, steht seine erste Kriminalepisode sogar auf dem zweiten Platz - hinter dem neuesten Harry Potter. Als Sachsenhäuser hat Demant natürlich ein Sachsenhäuser Vorbild: Bodo Kirchhoff. "Wenn ich so schreiben könnte, bräuchte ich mir unter meinen Palmen keine Gedanken mehr zu machen."

In einer Hängematte am Palmenstrand, ausgerüstet mit einem Stapel von Büchern, das ist Demants Vorstellung vom Glück. Vor allem die Wintermonate verbringt er deshalb oft im Süden. Reisen war neben Fußball und Schreiben schon immer seine große Leidenschaft. Nach dem Abitur wollte der Fechenheimer eigentlich zur See fahren, doch als er während des Wehrdienstes bei der Marine immer wieder seekrank wurde, mußte er diesen Plan aufgeben. So folgten einige Jahre mit Gelegenheitsarbeiten und Reisen, dann arbeitete Demant mehrere Monate als Deutschlehrer in Spanien, bevor er schließlich mit 25 Jahren Taxifahrer in seiner Heimatstadt wurde.

Seit 20 Jahren arbeitet der Fünfundvierzigjährige vorwiegend in der Nacht, und so verwundert es kaum, daß auch die Hauptfigur in seinem Buch, Simon Schweitzer, ein Nachtschwärmer ist, der sich ständig in Sachsenhäuser Kneipen rumtreibt. Die kommen im Buch zwar nicht mit ihren Originalnamen vor. Wer sich im Stadtteil auskenne, wisse aber durchaus, von welchem Lokal die Rede sei, meint der Autor und fügt hinzu, Schweitzer sei eine Melange aus drei Personen. "Moralisch integer, faul, macht gerne Mittagsschlaf und lebt in den Tag hinein", steht auf einem Steckbrief, den Demant für seine Hauptfigur entworfen hat. Einige dieser Angewohnheiten scheint auch der schreibende Taxifahrer zu haben: "Ich stelle den Wecker genau zweimal im Jahr, nur für den Zahnarzt und den Abflugtermin."

Ende des Monats erscheint Demants zweite Sachsenhäuser Kriminalepisode "Geiseldrama in Dribbdebach", in der auch Schweitzer, diesmal als Geisel in einen Banküberfall verwickelt, im Mittelpunkt steht. Auch sein drittes Buch, in dem er Geschichten von Fahrgästen festhalten will, habe er in Gedanken schon geschrieben, sagt Demant. "Ab jetzt bringe ich jedes Jahr eine neue Simon-Schweitzer-Episode raus, bis ich reich bin", scherzt er - und vielleicht erfüllt sich sein Traum vom Schreiben als Lebensinhalt ja tatsächlich igendwann.

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